domenica 5 febbraio 2017

Das internationale Ausbildungshaus in Caracas

Unser Ausbildungshaus liegt also mitten im Stadtteil Cementerio, zum Haus gehören die Räume der Pfarrei San Miguel Arcángel, die Pfarrkirche und der Centro Medico, in dem Menschen für wenig Geld Arztbesuche und ambulante Eingriffe in zahlreichen medizinischen Disziplinen machen können. Das Ausbildungssystem ist, wie in weiten Teilen der Kongregation, anders als in Deutschland strukturiert. Postulantat und Philosophiestudenten sind in einem anderen Haus in Caracas untergebracht, danach folgt das Noviziat – momentan noch in Spanien – und dann das Theologiestudium. Momentan sind hier im Haus Marco, César, Yunior, junge Mitbrüder aus Venezuela, Erick und Rafael aus Brasilien, Kigan und Josh aus Indien sowie José aus Argentinien, die ihr Theologiestudium an der Theologischen Fakultät ITER der Ordensleute absolvieren. Carlos Luis ist Ausbildungsleiter, Hausökonom, Provinzrat, Professor für Altes Testament – und reichlich gefragter Referent für diverse Fortbildungsveranstaltungen in unserer Kongregation sowie für viele andere Ordensgemeinschaften. Dass dies offensichtlich zu viele Aufgaben sind, ist auch ihm klar – und nicht nur ihm: Seit einigen Monaten lebt auch der Regionalobere Alejandro  in der Ausbildungskommunität – wenn er nicht in der Region unterwegs ist. Die anderen Länder Lateinamerikas stehen zwar offiziell hinter dem internationalen Ausbildungsprojekt – nur Ausbilder hat bisher kein Land nach Venezuela geschickt. 

Auch aufgrund der Personalsituation bleibt gar keine andere Möglichkeit, als den jungen Mitbrüdern viel Verantwortung für einzelne Aspekte des Kommunitätsleben zu übertragen: Der Einkauf wird wechselweise von den Theologiestudierenden übernommen, ebenso die Küche zum Frühstück, zum Abendessen und komplett an Wochenenden. Die Zusammensetzung der internationalen Ausbildungskommunität bewirkt, dass keine Nation das absolute Sagen hat. Dass ist vielleicht einer der wesentlichen Unterschiede zu anderen Ausbildungshäusern: Die Mitbrüder aus anderen Ländern sind nicht lediglich Gäste, sondern prägen das Profil der Kommunität und der Ausbildung entscheidend mit. Gebetszeiten werden regelmäßig mit Lesungen und Liedern in den Sprachen der Mitbrüder gefeiert, auch der Küche merkt man die Internationalität an. Die wesentlichen kulturellen Unterschiede sind natürlich in der Kürze der Zeit nicht so deutlich zu spüren: Wie werden Beziehungen gestaltet, wie wird der eigene Glaube gelebt, Umgang mit Autorität, mit Konflikten etc. Klar, dass die Situation des Landes Venezuela viele Auswirkungen auch auf den Ausbildungsprozess hat: Zum einen kommen immer wieder mal Unsicherheiten und auch Ängste auf und die Frage, ob es nicht doch besser wäre, die Ausbildung woanders weiter zu führen. Zum anderen erleben die Mitbrüder einen Ausbildungskontext, der sie auf ganz andere Weise reifen lässt: Sei es durch die Hausorganisation, sei es durch die pastoralen Einsätze im Stadtteil und in Gefängnissen, sei es durch die unmittelbare Nähe zur Alltagssituation aller Bewohner des Stadtteils. In den Gesprächen wird deutlich, dass sich ihr Blick auf die Ausbildungsformate in ihren Heimatländern deutlich geändert hat. Für Kigan und Josh wäre es momentan schwierig, einfach in die indische Ausbildung zurück zu wechseln. Erik und Rafael wundern sich mittlerweile über manche Klagen der jungen Mitbrüder im Ausbildungshaus in Taubaté in Brasilien – manches relativiert sich. 

Jede Woche sind sie mit in die Pastoral in der Pfarrei eingebunden. Vor etlichen Jahren begann Carlos Luis, in eine Barackensiedlung am Rande der Pfarrei zu gehen. Er fand Familien, die ihre Häuser für Katechese und andere Treffen öffneten. Vor zwei Jahren dann hat er die jungen Mitbrüder aufgefordert, jeden Samstag an verschiedenen Orten dieser Siedlung mit Jugendgruppen zu arbeiten, jeweils zusammen mit Katecheten aus der Pfarrei. Nicht alle waren anfänglich begeistert, im Gegenteil: Angst spielte eine große Rolle. Schließlich war die Siedlung nicht nur für ihre Armut, sondern auch für die Dominanz von Banden bekannt. Mittlerweile wissen die Mitbrüder: Die Menschen lieben sie – und brauchen sie. Denn nur wenige von ihnen nehmen den Weg auf sich, vom Hügel runter zur Pfarrkirche und ihren Räumlichkeiten zu gehen. Bei meinem Gang zusammen mit Carlos Luis durch die Siedlung werden wir immer wieder angehalten, aufgefordert kurz ins Haus zu kommen. „Bendición“ – „Segen“ ist das Begrüßungwort, auf das die Patres und Fratres mit einem kurzen Segenswort antworten, bevor dann das eigentliche Gespräch beginnt.
Auch im hiesigen Jugendgefängnis ist Carlos Luis zusammen mit den Auszubildenden tätig. Für Einzelgespräche und für Gruppentreffen. An Weihnachten haben unsere jungen Mitbrüder im Gefängnis eine Art Weihnachtsfeier gestaltet, mit Musik, mit Spielen, mit kurzen Texten. Das hat tiefen Eindruck hinterlassen, sowohl bei den jugendlichen Inhaftierten als auch bei der Gefängnisleitung. Diese ist nicht grundsätzlich dem kirchlichen Engagement gegenüber positiv eingestellt. Nun aber sind die Türen endgültig für die Dehonianer geöffnet.

Die nächtliche Ankunft in unserem Stadtteil ist bezeichnend für die Situation. Nächtlich heißt in diesem Fall schlicht, dass es dunkel ist, hier ist das in Äquatornähe bereits regelmäßig bald nach 6 Uhr abends der Fall. Auf der Schnellstraße vom Flughafen weg fahren wir zügig durch die Stadt, von der wenig zu sehen ist. Dass sie über 4 Millionen Einwohner hat, ist ihr zu diesem Zeitpunkt kaum anzusehen. Unser Stadtteil liegt eher am Stadtrand, an einem der zahlreichen Hügel Caracas. Der Name des Stadtteil „Cementerio“ – „Friedhof“, nach einem der größten Friedhöfe Caracas benannt.
  Wir biegen von der Schnellstraße ab, es ist – 21 Uhr – kaum mehr Verkehr. Bevor wir endgültig auf die Straße in unser Stadtteil biegen, wird im Dunkeln eine sehr eindrucksvolle Polizeistation deutlich, an der die Zufahrt kontrolliert wird. Ca. 10 mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten schälen sich aus dem Dunkel. Carlos Luis  macht das Licht im Auto an, „damit sie gleich wissen, dass wir harmlos sind“. Nach der Kontrolle fahren wir durch die absolut menschenleeren Straßen unseres Stadtteils, einzig zwei Polizeipatrouillen per Motorrad kommen uns entgegen. Zuguterletzt sind dann, auf der Hauptstraße vor unserem Haus, drei, vier Menschen zu sehen. Gespenstisch das Ganze. Nach Einbruch der Dunkelheit ist es offensichtlich besser, nicht mehr das Haus zu verlassen. Der Stadtteil hat einen üblen Ruf – und eine entsprechende Kriminalitätsrate, die sich schwer in Worte fassen lässt. In einer Hauptstadt, die einen traurigen Weltrekord in Sachen Morddelikte hält. In den nächsten Tagen werde ich, zum Teil ohne es zu ahnen, Kriminellen und Mördern die Hände schütteln oder sie gar zur Begrüßung umarmen. „Malandros“ nennt man hier die Kriminellen, die in der Regel einer Bande angehören, die sich ihr Geld durch Schutzgelder, Einbrüche, Diebstahl und Entführungen verdienen – und durch Morde. Und damit wird sehr früh begonnen. Als ich an einem der nächsten Tage mit Carlos Luis tagsüber ein paar Minuten auf dem ‚Boulevard‘ vor unserem Haus eine Runde drehe, begegnen wir einem 15jährigen, der Carlos herzlich umarmt, mir freundlich die Hand schüttelt. Wie fast alle hier im Viertel ist er durch den Kommunionunterricht und zum Teil auch durch die Firmvorbereitung bei den Herz-Jesu-Priestern gegangen. Nun jedoch ist er bereits fest in der Szene der Malandros etabliert, seine Pistole kann er nicht wirklich verstecken – oder will es nicht. Carlos spricht mit ihm wie mit einem Freund, lächelt ihn an, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Danach erklärt mir Carlos, was der Junge bereits auf dem Kriminalitätskonto hat, dass er „absolut gefährlich“ ist. Und dass er eigentlich davon ausgeht, eines Tages den Anruf zu bekommen, er sei getötet worden. Es wäre bei weitem nicht die erste Beerdigung, die Carlos für einen Mörder halten würde, der seinerseits Opfer eines Gewaltverbrechens wurde.
Carlos Luis ist seit fast 20 Jahren im Stadtteil, hauptberuflich Universitätsprofessor und Ausbilder in unserem Scholastikat. Und zusammen mit anderen Dehonianern in der Pfarrei San Miguel Arcángel engagiert. Er hat die Herz-Jesu-Priester bis in die ärmsten Bezirke des ohnehin armen Stadtteils gebracht. Arbeitet jede Woche im Gefängnis für Minderjährige. Und gibt auch den Kriminellen das Gefühl, sie mit offenen Armen zu empfangen. Und kennt die meisten ja mittlerweile von Kindesbeinen an. Tatsächlich habe ich an seiner Seite nie den Hauch von Angst, selbst wenn ich weiß, mit wem wir gerade freundlich sprechen. Bei einem weiteren Rundgang durchs Viertel sagt Carlos mir, wir müssten jetzt noch zur Firmgruppe gehen, sie würden schon auf uns warten. Dann gehen wir auf eine Gruppe von ca. 8 jungen Leuten zu, und je näher wir kommen, wird mir klarer, dass dies nicht die Firmgruppe sein kann. Auch hier begrüßt Carlos jeden geradezu überfreundlich, die Blicke der jungen Männer sind zum Teil unsicher und abweisend. Aber jeder gibt auch mir die Hand zum Gruß. Offensichtlich haben wir sie in einer ‚beruflichen Angelegenheit‘ gestört. Sie haben Bündel von Geld in der Hand, die Waffen haben sie schnell vor unserer Ankunft zwischen Rücken und Häuserwand geklemmt. Als wir von ihnen weggehen, kommen uns reihenweise Menschen mit Geldbündeln in der Hand entgegen, die zu unseren Freunden unterwegs sind, um Rechnungen zu begleichen. Regelmäßig rufen Malandros bei Carlos an, um mit ihm zu sprechen, meistens Jugendliche oder junge Männer. Dann erzählen sie oft von ihren letzten Überfällen oder gar Schlimmeren. Manchmal wollen sie ihm zeigen, wie sie ihre Verbrechen mit dem Smartphone aufgenommen haben. Carlos hat sich das nie angeschaut. Für ihn ist es schon fast unerträglich zu hören, was sie getan haben. Natürlich ermuntert er sie, einen anderen Weg einzuschlagen. Warum sie gerade ihm als Pater das alles erzählen? „Vielleicht weil sie ja doch spüren, dass es falsch ist, was sie tun. Und das müssen sie irgendwie loswerden“, meint Carlos. Ich glaube, sie kommen zu ihm, weil sie bei ihm glaubwürdig erfahren: Sie sind Kriminelle – aber sie sind nicht nur Kriminelle. Erinnerung an eine Würde, an die sie selbst wohl nicht mehr glauben, und nach der sie sich doch sehnen.