Das internationale Ausbildungshaus in Caracas
Unser Ausbildungshaus liegt also mitten im Stadtteil Cementerio, zum Haus gehören die Räume der Pfarrei San Miguel Arcángel, die Pfarrkirche und der Centro Medico, in dem Menschen für wenig Geld Arztbesuche und ambulante Eingriffe in zahlreichen medizinischen Disziplinen machen können. Das Ausbildungssystem ist, wie in weiten Teilen der Kongregation, anders als in Deutschland strukturiert. Postulantat und Philosophiestudenten sind in einem anderen Haus in Caracas untergebracht, danach folgt das Noviziat – momentan noch in Spanien – und dann das Theologiestudium. Momentan sind hier im Haus Marco, César, Yunior, junge Mitbrüder aus Venezuela, Erick und Rafael aus Brasilien, Kigan und Josh aus Indien sowie José aus Argentinien, die ihr Theologiestudium an der Theologischen Fakultät ITER der Ordensleute absolvieren. Carlos Luis ist Ausbildungsleiter, Hausökonom, Provinzrat, Professor für Altes Testament – und reichlich gefragter Referent für diverse Fortbildungsveranstaltungen in unserer Kongregation sowie für viele andere Ordensgemeinschaften. Dass dies offensichtlich zu viele Aufgaben sind, ist auch ihm klar – und nicht nur ihm: Seit einigen Monaten lebt auch der Regionalobere Alejandro in der Ausbildungskommunität – wenn er nicht in der Region unterwegs ist. Die anderen Länder Lateinamerikas stehen zwar offiziell hinter dem internationalen Ausbildungsprojekt – nur Ausbilder hat bisher kein Land nach Venezuela geschickt.
Auch aufgrund der Personalsituation bleibt gar keine andere Möglichkeit, als den jungen Mitbrüdern viel Verantwortung für einzelne Aspekte des Kommunitätsleben zu übertragen: Der Einkauf wird wechselweise von den Theologiestudierenden übernommen, ebenso die Küche zum Frühstück, zum Abendessen und komplett an Wochenenden. Die Zusammensetzung der internationalen Ausbildungskommunität bewirkt, dass keine Nation das absolute Sagen hat. Dass ist vielleicht einer der wesentlichen Unterschiede zu anderen Ausbildungshäusern: Die Mitbrüder aus anderen Ländern sind nicht lediglich Gäste, sondern prägen das Profil der Kommunität und der Ausbildung entscheidend mit. Gebetszeiten werden regelmäßig mit Lesungen und Liedern in den Sprachen der Mitbrüder gefeiert, auch der Küche merkt man die Internationalität an. Die wesentlichen kulturellen Unterschiede sind natürlich in der Kürze der Zeit nicht so deutlich zu spüren: Wie werden Beziehungen gestaltet, wie wird der eigene Glaube gelebt, Umgang mit Autorität, mit Konflikten etc. Klar, dass die Situation des Landes Venezuela viele Auswirkungen auch auf den Ausbildungsprozess hat: Zum einen kommen immer wieder mal Unsicherheiten und auch Ängste auf und die Frage, ob es nicht doch besser wäre, die Ausbildung woanders weiter zu führen. Zum anderen erleben die Mitbrüder einen Ausbildungskontext, der sie auf ganz andere Weise reifen lässt: Sei es durch die Hausorganisation, sei es durch die pastoralen Einsätze im Stadtteil und in Gefängnissen, sei es durch die unmittelbare Nähe zur Alltagssituation aller Bewohner des Stadtteils. In den Gesprächen wird deutlich, dass sich ihr Blick auf die Ausbildungsformate in ihren Heimatländern deutlich geändert hat. Für Kigan und Josh wäre es momentan schwierig, einfach in die indische Ausbildung zurück zu wechseln. Erik und Rafael wundern sich mittlerweile über manche Klagen der jungen Mitbrüder im Ausbildungshaus in Taubaté in Brasilien – manches relativiert sich.
Auch im hiesigen Jugendgefängnis ist Carlos Luis zusammen mit den Auszubildenden tätig. Für Einzelgespräche und für Gruppentreffen. An Weihnachten haben unsere jungen Mitbrüder im Gefängnis eine Art Weihnachtsfeier gestaltet, mit Musik, mit Spielen, mit kurzen Texten. Das hat tiefen Eindruck hinterlassen, sowohl bei den jugendlichen Inhaftierten als auch bei der Gefängnisleitung. Diese ist nicht grundsätzlich dem kirchlichen Engagement gegenüber positiv eingestellt. Nun aber sind die Türen endgültig für die Dehonianer geöffnet.

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