domenica 5 febbraio 2017

Die nächtliche Ankunft in unserem Stadtteil ist bezeichnend für die Situation. Nächtlich heißt in diesem Fall schlicht, dass es dunkel ist, hier ist das in Äquatornähe bereits regelmäßig bald nach 6 Uhr abends der Fall. Auf der Schnellstraße vom Flughafen weg fahren wir zügig durch die Stadt, von der wenig zu sehen ist. Dass sie über 4 Millionen Einwohner hat, ist ihr zu diesem Zeitpunkt kaum anzusehen. Unser Stadtteil liegt eher am Stadtrand, an einem der zahlreichen Hügel Caracas. Der Name des Stadtteil „Cementerio“ – „Friedhof“, nach einem der größten Friedhöfe Caracas benannt.
  Wir biegen von der Schnellstraße ab, es ist – 21 Uhr – kaum mehr Verkehr. Bevor wir endgültig auf die Straße in unser Stadtteil biegen, wird im Dunkeln eine sehr eindrucksvolle Polizeistation deutlich, an der die Zufahrt kontrolliert wird. Ca. 10 mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten schälen sich aus dem Dunkel. Carlos Luis  macht das Licht im Auto an, „damit sie gleich wissen, dass wir harmlos sind“. Nach der Kontrolle fahren wir durch die absolut menschenleeren Straßen unseres Stadtteils, einzig zwei Polizeipatrouillen per Motorrad kommen uns entgegen. Zuguterletzt sind dann, auf der Hauptstraße vor unserem Haus, drei, vier Menschen zu sehen. Gespenstisch das Ganze. Nach Einbruch der Dunkelheit ist es offensichtlich besser, nicht mehr das Haus zu verlassen. Der Stadtteil hat einen üblen Ruf – und eine entsprechende Kriminalitätsrate, die sich schwer in Worte fassen lässt. In einer Hauptstadt, die einen traurigen Weltrekord in Sachen Morddelikte hält. In den nächsten Tagen werde ich, zum Teil ohne es zu ahnen, Kriminellen und Mördern die Hände schütteln oder sie gar zur Begrüßung umarmen. „Malandros“ nennt man hier die Kriminellen, die in der Regel einer Bande angehören, die sich ihr Geld durch Schutzgelder, Einbrüche, Diebstahl und Entführungen verdienen – und durch Morde. Und damit wird sehr früh begonnen. Als ich an einem der nächsten Tage mit Carlos Luis tagsüber ein paar Minuten auf dem ‚Boulevard‘ vor unserem Haus eine Runde drehe, begegnen wir einem 15jährigen, der Carlos herzlich umarmt, mir freundlich die Hand schüttelt. Wie fast alle hier im Viertel ist er durch den Kommunionunterricht und zum Teil auch durch die Firmvorbereitung bei den Herz-Jesu-Priestern gegangen. Nun jedoch ist er bereits fest in der Szene der Malandros etabliert, seine Pistole kann er nicht wirklich verstecken – oder will es nicht. Carlos spricht mit ihm wie mit einem Freund, lächelt ihn an, klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Danach erklärt mir Carlos, was der Junge bereits auf dem Kriminalitätskonto hat, dass er „absolut gefährlich“ ist. Und dass er eigentlich davon ausgeht, eines Tages den Anruf zu bekommen, er sei getötet worden. Es wäre bei weitem nicht die erste Beerdigung, die Carlos für einen Mörder halten würde, der seinerseits Opfer eines Gewaltverbrechens wurde.
Carlos Luis ist seit fast 20 Jahren im Stadtteil, hauptberuflich Universitätsprofessor und Ausbilder in unserem Scholastikat. Und zusammen mit anderen Dehonianern in der Pfarrei San Miguel Arcángel engagiert. Er hat die Herz-Jesu-Priester bis in die ärmsten Bezirke des ohnehin armen Stadtteils gebracht. Arbeitet jede Woche im Gefängnis für Minderjährige. Und gibt auch den Kriminellen das Gefühl, sie mit offenen Armen zu empfangen. Und kennt die meisten ja mittlerweile von Kindesbeinen an. Tatsächlich habe ich an seiner Seite nie den Hauch von Angst, selbst wenn ich weiß, mit wem wir gerade freundlich sprechen. Bei einem weiteren Rundgang durchs Viertel sagt Carlos mir, wir müssten jetzt noch zur Firmgruppe gehen, sie würden schon auf uns warten. Dann gehen wir auf eine Gruppe von ca. 8 jungen Leuten zu, und je näher wir kommen, wird mir klarer, dass dies nicht die Firmgruppe sein kann. Auch hier begrüßt Carlos jeden geradezu überfreundlich, die Blicke der jungen Männer sind zum Teil unsicher und abweisend. Aber jeder gibt auch mir die Hand zum Gruß. Offensichtlich haben wir sie in einer ‚beruflichen Angelegenheit‘ gestört. Sie haben Bündel von Geld in der Hand, die Waffen haben sie schnell vor unserer Ankunft zwischen Rücken und Häuserwand geklemmt. Als wir von ihnen weggehen, kommen uns reihenweise Menschen mit Geldbündeln in der Hand entgegen, die zu unseren Freunden unterwegs sind, um Rechnungen zu begleichen. Regelmäßig rufen Malandros bei Carlos an, um mit ihm zu sprechen, meistens Jugendliche oder junge Männer. Dann erzählen sie oft von ihren letzten Überfällen oder gar Schlimmeren. Manchmal wollen sie ihm zeigen, wie sie ihre Verbrechen mit dem Smartphone aufgenommen haben. Carlos hat sich das nie angeschaut. Für ihn ist es schon fast unerträglich zu hören, was sie getan haben. Natürlich ermuntert er sie, einen anderen Weg einzuschlagen. Warum sie gerade ihm als Pater das alles erzählen? „Vielleicht weil sie ja doch spüren, dass es falsch ist, was sie tun. Und das müssen sie irgendwie loswerden“, meint Carlos. Ich glaube, sie kommen zu ihm, weil sie bei ihm glaubwürdig erfahren: Sie sind Kriminelle – aber sie sind nicht nur Kriminelle. Erinnerung an eine Würde, an die sie selbst wohl nicht mehr glauben, und nach der sie sich doch sehnen.

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